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4. Dezember 2025
Salon 72 mit Dr. Michael Ritscher, Rechtsanwalt bei MML in Zürich, Richter am Handelsgericht Zürich und Präsident des Schweizerischen Instituts für gewerblichen Rechtsschutz INGRES, der Sopranistin Meta Hildebrandt, dem Akkordeonisten Roman Puneiko sowie dem Künstler Roman Liška
Am 4. Dezember 2025 konnten wir bei unserem Salon 72 Dr. Michael Ritscher, Rechtsanwalt bei MML in Zürich, Richter am Handelsgericht Zürich und Präsident des Schweizerischen Instituts für gewerblichen Rechtsschutz INGRES, die Sopranistin Meta Hildebrandt, den Akkordeonisten Roman Puneiko sowie den Künstler Roman Liška begrüßen. Der Abend verband europäisches Urheberrecht, neue Musik, Akkordeonklang und Malerei in einem Gespräch über Schutz, Ausdruck und Selbstbefragung.
Dr. Michael Ritscher sprach nicht über ein lange vorbereitetes historisches Thema, sondern griff spontan eine Entscheidung auf, die am selben Tag ergangen war: das Urteil des Gerichtshofs der Europäischen Union vom 4. Dezember 2025 in den verbundenen Rechtssachen „Mio“ und „konektra“. Gegenstand der Entscheidung war der urheberrechtliche Schutz von Werken der angewandten Kunst, insbesondere von Möbeln. Der EuGH hatte sich dabei unter anderem mit dem Verhältnis von Designschutz und Urheberrecht sowie mit der Frage zu befassen, welche Anforderungen an die Originalität funktionaler Gestaltungen zu stellen sind.
Ritscher stellte die Entscheidung als wichtigen Beitrag zur europäischen Diskussion über angewandte Kunst dar. Der EuGH bestätigte, dass für Gebrauchsgegenstände keine strengeren Originalitätsanforderungen gelten als für andere Werkarten. Auch ein Möbelstück kann also urheberrechtlich geschützt sein, wenn in ihm freie kreative Entscheidungen des Urhebers objektiv erkennbar zum Ausdruck kommen. Zugleich bleibt das Urheberrecht auf diese schöpferischen Elemente beschränkt; rein technische oder funktional zwingende Merkmale werden nicht monopolisiert. Ritscher betrachtete diese Linie deutlich urheberfreundlich. Er machte anschaulich, dass gerade im Bereich des Designs häufig erhebliche schöpferische Leistungen in Gegenständen stecken, die zugleich benutzt werden. Dass sie praktisch verwendbar sind, nimmt ihnen nicht notwendig ihren künstlerischen Gehalt.
Neben dem Recht kam auch Ritschers persönliche Seite zur Sprache. Er erzählte von Pantelleria, jener kleinen Insel im Mittelmeer zwischen Sizilien und Tunesien, auf der er am liebsten Urlaub macht. So wurde aus dem juristischen Vortrag über Schutzfähigkeit, Gestaltungsspielräume und europäische Maßstäbe zugleich ein Abend mit südlichem Licht, Meer und Lavagestein im Hintergrund. Auch das passte gut zum Thema: angewandte Kunst ist nie nur Theorie, sondern hat immer mit Lebenswelt, Gegenständen, Orten und sinnlicher Erfahrung zu tun.
Den musikalischen Teil des Abends gestalteten Meta Hildebrandt und Roman Puneiko mit Moritz Eggerts „Ballack, du geile Schnitte“. Das Stück aus dem Jahr 2006 ist für Sopran und Akkordeon geschrieben und verwendet als Textmaterial Fußballfan-Äußerungen aus dem Internet, insbesondere Einträge aus dem Gästebuch der Homepage von Michael Ballack. Schon der Titel verweigert jede klassische Lied-Erwartung. Eggert verwandelt Sprache aus Fankultur, Begehren, Verehrung und Komik in ein hochartifizielles, zugleich direktes Musikstück.
Beeindruckend war vor allem die Genauigkeit, mit der Meta Hildebrandt und Roman Puneiko die häufigen Stimmungswechsel gestalteten. Das Stück springt zwischen Verehrung, Übertreibung, Ironie, Direktheit, Groteske und fast opernhafter Zuspitzung. Meta Hildebrandt gab den verschiedenen Charakteren präzise Kontur, ohne sie bloß auszustellen. Roman Puneiko schuf am Akkordeon dazu einen Klangraum, der zugleich volksnah, theatralisch und kammermusikalisch differenziert wirkte. So entstand ein Auftritt, der komisch sein durfte, aber nie nur komisch war; hinter der Oberfläche des Fußballfansprechs wurden viele kleine Szenen, Rollen und Affekte sichtbar.
Zum Abschluss stellte Roman Liška seine Arbeiten vor. Er war bereits bei einem früheren Salon mit Bildern zu Gast, die im Wechselspiel mit künstlicher Intelligenz entstanden waren. Dieses Mal trat stärker seine Selbstbefragung in den Vordergrund. Liška sprach sehr selbstkritisch über seine Kunst, über Entscheidungen, Zweifel und über die Frage, was an einem Bild eigentlich aus der eigenen Hand, aus dem eigenen Blick und aus dem eigenen Urteil stammt. Gerade diese Offenheit machte seinen Beitrag eindrucksvoll. Er präsentierte Kunst nicht als fertige Behauptung, sondern als Prozess, in dem auch Unsicherheit, Korrektur und Skepsis ihren Platz haben.
So wurde Salon 72 zu einem Abend über Autorschaft in verschiedenen Formen. Bei Ritscher ging es um die rechtliche Anerkennung schöpferischer Entscheidungen in angewandter Kunst. Bei Eggerts „Ballack, du geile Schnitte“ ging es um die künstlerische Verwandlung vorgefundenen Sprachmaterials in Musiktheater auf kleinstem Raum. Bei Roman Liška ging es schließlich um die Frage, wie Kunst entsteht, wenn der Künstler die eigenen Bilder nicht nur zeigt, sondern zugleich befragt. Zwischen Urheberrecht, Stimme, Akkordeon und Malerei entstand ein vielschichtiger, gegenwärtiger Abend.
Wir freuen uns auf das nächste Mal: Am 5.3.2026 sind Constantin Kletzer (Rechtsanwalt in Wien), Ulrich Hildebrandt (Klavier) und Matthias Krüger (Fotograf) bei uns zu Gast. Dazu gibt es wieder Brot und Wein.