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5. Juni 2025
Salon 72 mit Herr Matthias Harder (Vors. Richter am Landgericht Hamburg a.D.), dem holländischen Pianisten (und Neuroforscher) Jorik Elberse und dem Maler Roman Liška
Am 5. Juni 2025 konnten wir bei unserem Salon 72 Herrn Matthias Harder, Vorsitzender Richter am Landgericht Hamburg a.D., den niederländischen Pianisten und Neuroforscher Jorik Elberse sowie den Maler Roman Liška begrüßen. Der Abend verband Justizpraxis, Musik und bildende Kunst auf ungewöhnlich unmittelbare Weise: Es ging um überlastete Gerichte, improvisierte Klangräume und Malerei im Wechselspiel mit künstlicher Intelligenz.
Matthias Harder berichtete aus seiner langjährigen Tätigkeit am Landgericht Hamburg. Im Mittelpunkt standen dabei nicht nur einzelne Verfahren oder Anekdoten aus der gerichtlichen Praxis, sondern die strukturellen Herausforderungen, vor denen die Justiz heute steht. Besonders anschaulich schilderte er die Situation in seiner früheren Kammer für Marken- und Wettbewerbsrecht. Dort treffen knapper werdende Ressourcen auf immer umfangreichere Verfahren. Schriftsätze werden länger, Anlagenkonvolute dichter, der Vortrag der Parteien ausufernder. Hinzu kommt, dass Texte inzwischen häufig auch mit Hilfe künstlicher Intelligenz erstellt werden, was ihre Länge und Komplexität nicht unbedingt verringert.
Harder machte deutlich, wie sehr diese Entwicklung die Arbeit der Gerichte verändert. Richterinnen und Richter müssen immer größere Stoffmengen bewältigen, während zugleich Personal fehlt und zusätzliche Belastungen entstehen. Ein besonderes Problem sah er in der Abordnung von Richterinnen und Richtern in die Strafjustiz, die angesichts dortiger Engpässe notwendig sein mag, aber in anderen Bereichen neue Lücken reißt. So entstand das Bild einer Justiz, die weiterhin funktionieren soll, obwohl die Verfahren wachsen und die verfügbaren Kräfte abnehmen. Gerade für das Marken- und Wettbewerbsrecht, das oft schnelle und präzise Entscheidungen verlangt, ist dies eine Entwicklung von erheblicher praktischer Bedeutung.
Den musikalischen Teil des Abends gestaltete Jorik Elberse. Der niederländische Pianist, der zugleich als Neuroforscher arbeitet, improvisierte am Klavier mit großer emotionaler Offenheit. Seine Musik bewegte sich zwischen Jazz, Pop und klassisch geprägten Klangwelten, ohne sich auf eine dieser Kategorien festlegen zu lassen. Die Improvisationen wirkten zugänglich und zugleich persönlich, mal lyrisch, mal rhythmisch, mal fast erzählerisch. Gerade die Verbindung aus spontaner Formung, melodischer Direktheit und einem feinen Gespür für Stimmungen gab dem Abend eine besondere musikalische Farbe.
Zum Abschluss stellte Roman Liška seine Bilder vor. Ihre Entstehung beruhte auf einem fortgesetzten Wechselspiel zwischen Malerei und künstlicher Intelligenz. Liška malte zunächst ein Bild, ließ es anschließend von einer KI abwandeln und malte dann wiederum das Ergebnis dieser Veränderung. Diesen Vorgang wiederholte er mehrfach. So entstanden Werkreihen, in denen sich die Bilder Schritt für Schritt verschoben: Manche wurden komplexer, dichter und vielschichtiger, andere einfacher, reduzierter und fast zeichenhaft.
Gerade dieser Prozess machte die Arbeiten besonders interessant. Die KI erschien nicht als bloßes Werkzeug zur schnellen Bilderzeugung, sondern als Gegenüber, das Vorschläge macht, verfremdet, vereinfacht, übertreibt oder neue Wege eröffnet. Entscheidend blieb aber stets die malerische Aneignung durch den Künstler. Liška übernahm die KI-Ergebnisse nicht einfach, sondern führte sie zurück in die Hand, in Farbe, Oberfläche und künstlerische Entscheidung. So wurde sichtbar, dass künstliche Intelligenz die Autorschaft nicht notwendig verdrängt, sondern auch einen produktiven Dialog auslösen kann.
Salon 72 wurde damit zu einem Abend über Verdichtung und Veränderung: in der Justiz, die mit immer größeren Textmengen und knapperen Ressourcen umgehen muss; in der Musik, die aus dem Moment heraus Formen entstehen ließ; und in der Malerei, die zwischen menschlicher Hand und künstlicher Intelligenz hin- und herwanderte. Gerade diese Verbindung machte den Abend lebendig, gegenwärtig und vielschichtig.
Wir freuen uns auf das nächste Mal: Am 04.12.25 sind bei uns Dr. Michael Ritscher, Rechtsanwalt bei MML in Zürich, Richter am Handelsgericht Zürich, Präsident des Schweizerischen Instituts für gewerblichen Rechtsschutz (INGRES); Meta Hildebrandt (Sopran) und Roman Puneiko (Akkordeon) mit dem Stück „Ballack, du geile Schnitte“ von Moritz Eggert sowie Roman Liška (Künstler) bei uns zu Gast. Dazu gibt es wieder Brot und Wein.