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5. Mai 2026
Salon 72 in der Hamilton Villa in London Greenwich mit Prof. Dr. Martin Husovec von der London School of Economics and Political Science, Florica Grigoras an der Violine, Antonella Pintus am Cello, Ulrich Sawatzki am Klavier sowie die Künstlerin Penelope Wood
Am 5. Mai 2026 fand unser Salon 72 ausnahmsweise nicht in Berlin, sondern in London statt: in der Hamilton Villa in Greenwich, zeitgleich mit der INTA Annual Meeting, die vom 2. bis 6. Mai 2026 in London tagte. Zu Gast waren Prof. Dr. Martin Husovec von der London School of Economics and Political Science, Florica Grigoras an der Violine, Antonella Pintus am Cello, Ulrich Sawatzki am Klavier sowie die Künstlerin Penelope Wood.
Schon der Ort prägte den Abend. Die Hamilton Villa liegt in Greenwich, unweit von Greenwich Park und damit mitten in einem der geschichtsträchtigsten Teile Londons. Das Haus wurde 1734 erbaut und ist mit der Geschichte der Familie Enderby verbunden, die im Schiffbau, bei Walfangschiffen und Teeklippern eine Rolle spielte; auch Bezüge zur Familie Twining und zu zwei ehemaligen Lord Mayors of London werden genannt. Mit ihrem großen Garten, dem Blick auf die Stadt und der zugleich privaten, fast entrückten Atmosphäre wurde die Villa zu einem idealen Ort für einen Salon 72 in London.
Martin Husovec sprach unter dem Titel „Rioja for Content: How to improve what we read on social media?“ über die Frage, wie die Qualität von Inhalten in sozialen Medien verbessert werden könnte. Husovec ist Associate Professor of Law an der LSE. Seine Forschung bewegt sich an der Schnittstelle von Immaterialgüterrecht, Plattformregulierung, Innovation Policy und Meinungsfreiheit. Er gehört zu den profilierten europäischen Stimmen zur Regulierung digitaler Plattformen und zum Digital Services Act; sein Buch „The Principles of the Digital Services Act“ erschien 2024 bei Oxford University Press.
Im Mittelpunkt seines Vortrags stand ein Gedanke, den Husovec auch in einem aktuellen Aufsatz unter dem Titel „How New Institutions Could Improve What We Read Online“ entwickelt. Im Netz erkennt man häufig erst nach dem Lesen, ob ein Inhalt vertrauenswürdig, sorgfältig recherchiert oder bloß sensationell und schlecht ist. Dadurch werden gerade aufwendige, qualitativ hochwertige Inhalte benachteiligt: Sie konkurrieren mit billigen, schnellen, aufmerksamkeitsstarken Beiträgen, deren Qualität vorher kaum erkennbar ist. Husovec fragte deshalb, ob man für Inhalte im Netz Qualitätssignale schaffen könne, die ähnlich funktionieren wie Herkunfts- oder Qualitätsbezeichnungen bei Wein. „Rioja“ steht nicht für einen einzelnen Produzenten, sondern für ein kollektives Zeichen, hinter dem Regeln, Erwartungen und Qualitätsvorstellungen stehen. Übertragen auf Social Media könnte ein solches Modell Nutzern helfen, bessere Inhalte schneller zu erkennen.
Besonders interessant war dabei der markenrechtliche Zugriff. Husovec dachte nicht nur an staatliche Inhaltskontrolle oder Plattformpflichten, sondern an institutionelle Arrangements, die Qualität sichtbar machen und Nutzerentscheidungen stärken. Garantiemarken oder vergleichbare kollektive Qualitätssignale könnten anzeigen, dass bestimmte journalistische, redaktionelle oder überprüfende Standards eingehalten werden. Damit würde nicht der Staat entscheiden, was wahr oder wertvoll ist; vielmehr entstünde ein erkennbares Zeichen für vertrauenswürdige Verfahren. Gerade in einem Umfeld von Desinformation, Überproduktion und algorithmischer Aufmerksamkeit war dies ein anregender Versuch, markenrechtliche Instrumente für ein Problem digitaler Öffentlichkeit fruchtbar zu machen.
Den musikalischen Teil des Abends gestalteten Florica Grigoras, Antonella Pintus und Ulrich Sawatzki mit vier Miniaturen von Frank Bridge: „Minuet“, „Romance“, „Valse Russe“ und „Hornpipe“. Bridge, 1879 geboren und 1941 gestorben, ist heute vielen vor allem als Lehrer Benjamin Brittens bekannt, verdient aber auch als eigenständiger Komponist größere Aufmerksamkeit. Seine „Miniatures“ für Klaviertrio entstanden 1908 und umfassen insgesamt neun kurze Stücke für Violine, Cello und Klavier. Die vier ausgewählten Stücke zeigten Bridge in einer frühen, fein gearbeiteten, zugleich eleganten und charaktervollen Phase.
Gerade in London wirkten diese Miniaturen besonders passend. Sie haben etwas typisch Britisches: zurückhaltende Eleganz, klare Form, feinen Humor, kammermusikalische Höflichkeit und doch immer wieder kleine Schatten, Verschiebungen und Ausbrüche. Sie sind keine große Geste, sondern kurze Charakterstücke, in denen sehr viel Haltung in kleinen Formen steckt. Florica Grigoras, die aus Rumänien stammt und in London lebt, Antonella Pintus, die aus Italien stammt und ebenfalls in London lebt, und Ulrich Sawatzki, der nach seiner Heirat diesen Namen trägt, spielten diese Musik mit Wärme, Präzision und Sinn für ihre kleine, britische Noblesse. So wurde das Trio selbst zu einem europäischen Klangkörper in London.
Penelope Wood zeigte eine Bildschirminstallation. Auf einem dreigeteilten Bildschirm liefen parallel drei Filme. Die Bilder waren teils schön, teils unheimlich; immer wieder ging es um Werden und Vergehen, um Formen, die entstehen, sich verändern und verschwinden, und um Tod als wiederkehrendes Motiv. Wood stammt aus Berlin, hat in Rotterdam an der Willem de Kooning Academy studiert und arbeitet heute als Designerin und Künstlerin. Ihre Installation fügte dem Abend eine zeitgenössische visuelle Ebene hinzu: digital, flüchtig, poetisch und zugleich von einer dunklen Grundierung. In der historischen Villa, zwischen Garten, Musik und Gesprächen, wirkte der dreigeteilte Bildschirm wie ein Fenster in einen anderen, instabileren Raum.
Am Ende kam es zu einem spontanen Auftritt von Anton Polikarpov, Rechtsanwalt aus Kyiv. Er setzte sich ans Klavier und spielte ein berühmtes ukrainisches Lied über die wunderschöne Stadt Kyiv. Nach einem Abend über europäische Begegnungen, Plattformöffentlichkeit, britische Musik und digitale Bilder wurde damit noch einmal sehr unmittelbar spürbar, dass Europa nicht nur ein Rechts- und Kulturraum ist, sondern auch ein Raum der Bedrohung, der Solidarität und der Hoffnung. Das Publikum wünschte Anton einen schnellen Sieg der Ukraine über Russland.
So wurde Salon 72 in Greenwich zu einem zauberhaften Londoner Abend. In der Hamilton Villa entstand etwas Konzentriertes, Persönliches und Europäisches: ein Abend über Zeichen, Qualität, Musik, Vergänglichkeit und Freiheit. Der große Garten, die historische Villa, Bridges britische Miniaturen, Husovecs Idee eines „Rioja for Content“, Woods dreigeteilte Bildwelt und das ukrainische Lied am Schluss verbanden sich zu einer Atmosphäre, die noch lange nachklang.
Wir freuen uns auf das nächste Mal: Am 17.09.26 sind Frau Prof. Katharina de la Durantaye (Humboldt-Universität zu Berlin) und die Künstlerin Karla Hecker bei uns zu Gast. Dazu gibt es wieder Brot und Wein.