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16. April 2026
Salon 72 mit Dr. Helmut Lieber, Vorsitzender Richter am Landgericht München a.D., der Pianistin Julia Stephan sowie der Künstlerin Karla Helene Hecker
Am 16. April 2026 konnten wir bei unserem Salon 72 Dr. Helmut Lieber, Vorsitzender Richter am Landgericht München a.D., die Pianistin Julia Stephan sowie die Künstlerin Karla Helene Hecker begrüßen. Der Abend verband Justiz, Bühne, Schubert und bildende Kunst: Es ging um die Inszenierung gerichtlicher Verfahren, um pianistische Virtuosität und um Bilder, die zwischen Schönheit, Lack, Politik und Irritation stehen.
Dr. Helmut Lieber berichtete aus seiner langjährigen Tätigkeit als Vorsitzender einer Kammer beim Landgericht München. Sein Thema war, dass auch das Gericht eine Bühne ist. Nicht nur Anwältinnen und Anwälte treten dort auf; auch Richterinnen und Richter stehen in einer Rolle, müssen einen Raum führen, Beteiligte erreichen, Autorität ausstrahlen und zugleich offen bleiben. Lieber schilderte sehr anschaulich, dass auch Richter Lampenfieber haben können. Gerade die scheinbare Selbstverständlichkeit richterlichen Auftretens beruht auf intensiver Vorbereitung: Aktenkenntnis, gedankliche Ordnung, Gespür für den richtigen Moment und die Fähigkeit, auch in schwierigen Situationen die Regie nicht zu verlieren.
Dabei blieb der Vortrag nicht abstrakt. Lieber erwähnte ausdrücklich den Deutsche-Bank/Schneider-Komplex als sein größtes Verfahren. In dessen Umfeld wurde der Begriff „Peanuts“ öffentlich berühmt. Die Äußerung stammte von Hilmar Kopper, dem damaligen Vorstandssprecher der Deutschen Bank, der 1994 offene Handwerkerforderungen in Höhe von rund 50 Millionen DM nach der Pleite des Bauunternehmers Jürgen Schneider als „Peanuts“ bezeichnete. Der Begriff wurde zum Unwort des Jahres 1994 und steht bis heute für die Kluft zwischen wirtschaftlichen Großverfahren und der Wahrnehmung derjenigen, für die solche Summen existenziell sind.
Auch Liebers Leidenschaft für das Schachspiel fügte sich in das Thema des Abends ein. Er spielt gut und engagiert Schach und war sogar als Richter der Schach-Bundesliga tätig. Darin lag eine weitere Verbindung zum Gerichtssaal: Vorbereitung, Strategie, Vorausdenken, Konzentration und die Fähigkeit, unter Druck richtige Entscheidungen zu treffen. Man merkte Lieber die Freude am Vortrag deutlich an. Er erzählte mit Erfahrung, Witz und einem präzisen Blick für die menschliche Seite des Richterberufs.
Den musikalischen Teil des Abends gestaltete Julia Stephan mit Schuberts Wandererfantasie C-Dur op. 15, D 760. Die junge Pianistin, geboren 2002 in Berlin, studiert an der Universität der Künste Berlin und wurde zuvor am Musikgymnasium Carl Philipp Emanuel Bach sowie am Julius-Stern-Institut ausgebildet. Mit der Wandererfantasie wählte sie eines der großen virtuosen Werke der Klavierliteratur. Schubert verbindet darin Fantasie und Sonatenform: Vier große Abschnitte gehen ohne Pause ineinander über, und das thematische Material leitet sich aus seinem Lied „Der Wanderer“ ab.
Julia Stephan spielte dieses Werk brillant und eindrucksvoll. Die Wandererfantasie verlangt nicht nur technische Souveränität, sondern auch architektonischen Überblick. Sie ist zugleich Konzertstück, Sonatenentwurf, Liedverwandlung und pianistische Grenzerfahrung. Stephan ließ die große Form entstehen, ohne die lyrischen Momente zu verlieren. Virtuosität wurde bei ihr nicht zum Selbstzweck, sondern blieb mit der Unruhe, dem Suchen und der inneren Getriebenheit der Musik verbunden.
Karla Helene Hecker zeigte lackierte Ölbilder, Drucke und Postkarten. Ihre Arbeiten wirken auf den ersten Blick oft leuchtend, glatt und kostbar; zugleich öffnen sie Räume des Unbehagens. Hecker arbeitet in einer der japanischen Lackmalerei verwandten Technik, mit Schichten, Glanz, Tiefe und teils surrealen, symbolhaften Bildwelten. Neben der malerischen Oberfläche treten immer wieder politische und gesellschaftliche Botschaften hervor. So zeigte sie unter anderem ein Werk mit dem Sensenmann und dem Satz „I support soldiers of all sides“. Der Satz bringt die Ambivalenz vieler ihrer Arbeiten auf den Punkt: Er ist zugleich bitter, politisch, paradox und schwer beruhigend aufzulösen.
Gerade im Zusammenhang mit Liebers Vortrag über das Gericht als Bühne ergab sich daraus ein eigener Resonanzraum. Auch Heckers Bilder treten auf. Sie zeigen sich, glänzen, locken an und setzen dann Widerhaken. Die Postkarten und Drucke erweiterten diesen Eindruck noch: Kunst erschien nicht nur als großes Einzelbild an der Wand, sondern auch als vervielfältigte Botschaft, als Objekt, das weitergegeben werden kann und dennoch seine Schärfe behält.
So wurde Salon 72 zu einem Abend über Auftritte und Rollen. Das Gericht erschien als Bühne, auf der Vorbereitung, Präsenz und Verantwortung zusammenkommen. Schuberts Wandererfantasie wurde zur musikalischen Form des Suchens und Weitergehens. Karla Helene Heckers Bilder verbanden Glanz und Abgrund, Oberfläche und Botschaft. Zwischen Gerichtssaal, Konzertpodium und Kunst entstand ein vielschichtiger Abend über die Frage, wie Menschen auftreten, wirken und Spuren hinterlassen.
Wir freuen uns auf das nächste Mal: Am 05.05.26 sind bei unserem speziellen Salon 72 in London Greenwich Prof. Dr. Martin Husovec (The London School of Economics and Political Science – LSE), Florica Grigoras (Violine), Antonella Pintus (Cello), Ulrich Sawatzki (Klavier) und Penelope Wood (Künstlerin) bei uns zu Gast. Dazu gibt es wieder Brot und Wein.